Somatics: Die Verbindung zwischen Körperbewusstsein und Nervensystem

Wir alle tragen Stress, Emotionen und Erlebnisse nicht nur in unserem Geist, sondern auch in unserem Körper. Vielleicht kennst du das Gefühl, nach einer stressigen Situation die Schultern unbewusst hochzuziehen oder nach einem langen Arbeitstag eine innere Anspannung im Bauch zu spüren. Hier setzt Somatics an – eine Praxis, die uns hilft, bewusster mit unserem Körper umzugehen und ihn als Schlüssel zur Selbstregulation und Heilung zu nutzen.

Was ist Somatics?

Der Begriff "Somatics" stammt vom griechischen Wort "Soma" ab, was so viel bedeutet wie "der lebendig erlebte Körper". Es geht dabei um die direkte Erfahrung des eigenen Körpers von innen heraus – nicht nur als physisches Objekt, sondern als lebendiges, fühlendes System. Während viele Ansätze zur Entspannung auf den Geist fokussiert sind, arbeitet Somatics mit der tiefen Verbindung zwischen Körper, Nervensystem und Bewusstsein.

Im Kern ist Somatics eine Sammlung von Bewegungs- und Wahrnehmungspraktiken, die helfen, Spannungen zu lösen, alte Muster zu durchbrechen und das Nervensystem in Balance zu bringen. Dazu gehören unter anderem:

  • Langsame, bewusste Bewegungen zur Neuausrichtung von Haltung und Bewegungsmustern

  • Körperwahrnehmungsübungen, um in den eigenen Empfindungen präsent zu sein

  • Berührung und Selbstregulationstechniken zur Aktivierung des parasympathischen Nervensystems

  • Atemarbeit, um Stress und emotionale Spannungen zu lösen

Die Verbindung zum Nervensystem

Unser Nervensystem speichert Erlebnisse – insbesondere Stress, Traumata oder Überforderung – nicht nur im Kopf, sondern auch im Körper. Unbewusst halten wir Schutz- und Überlebensmuster fest, die sich in unserer Haltung, Atmung oder Beweglichkeit widerspiegeln. Vielleicht hast du selbst schon erlebt, dass dein Körper in stressigen Zeiten steif oder angespannt wird, dein Atem flacher wird oder du dich unruhig fühlst.

Somatics hilft dabei, diese tief verankerten Muster bewusst wahrzunehmen und sanft zu verändern. Die Verbindung zum Nervensystem zeigt sich in mehreren Bereichen:

  • Lösen von chronischer Anspannung: Sanfte Bewegungen und gezielte Körperwahrnehmung signalisieren dem Nervensystem, dass keine Gefahr besteht und es sich entspannen darf.

  • Unterstützung des ventralen Vagusnervs: Durch bewusste Bewegung und Berührung kann der Teil des Nervensystems aktiviert werden, der für Sicherheit und soziale Verbindung verantwortlich ist.

  • Regulierung des Stress-Systems: Somatische Übungen können helfen, den Körper aus einem Kampf-, Flucht- oder Erstarrungsmodus zurück in einen Zustand von Ruhe und Ausgeglichenheit zu bringen.

  • Verkörpertes Bewusstsein entwickeln: Anstatt sich nur intellektuell mit Stress oder Emotionen auseinanderzusetzen, hilft Somatics, diese direkt im Körper zu erforschen und aufzulösen.

Wie kann man Somatics in den Alltag integrieren?

Somatische Praktiken müssen nicht kompliziert sein – sie können in den Alltag integriert werden, um das Nervensystem zu beruhigen und mehr Verbindung zum eigenen Körper zu schaffen. Ein paar einfache Übungen sind:

  • Body Scanning: Nimm dir ein paar Minuten, um von Kopf bis Fuß in deinen Körper hineinzuspüren. Wo fühlst du Spannung? Wo gibt es Wärme oder Kälte? Allein das bewusste Wahrnehmen kann eine beruhigende Wirkung haben.

  • Micro-Movements: Kleine, langsame Bewegungen, wie sanftes Kreisen der Schultern oder Wiegen des Körpers, helfen, festgehaltene Spannungen zu lösen.

  • Grounding: Barfuß auf der Erde stehen, bewusst die Füße spüren und sich mit dem Boden verbunden fühlen, gibt dem Nervensystem ein Gefühl von Stabilität.

  • Atem und Bewegung verbinden: Langsame, fließende Bewegungen mit tiefer Atmung kombinieren, um Körper und Geist in Einklang zu bringen.

Fazit

Somatics ist ein sanfter, aber wirkungsvoller Weg, um das Nervensystem zu regulieren und den Körper als Verbündeten für mehr Wohlbefinden zu nutzen. Durch bewusste Bewegung und Körperwahrnehmung können wir alte Spannungen loslassen, Stress abbauen und uns insgesamt sicherer und verbundener fühlen. Der Körper speichert unsere Geschichte – aber er kann sich auch neu ausrichten, wenn wir ihm die richtige Aufmerksamkeit schenken.

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Nervensystem-Regulation: Praktische Wege aus Stress und Überforderung